Nachkommen aus Straßburg, Toulouse und Chicago reisen für Stolpersteinverlegung nach Kehl

Der Aussage, dass es wertvolles und nicht wertvolles Leben gibt, stimmte bei einer Befragung im Jahr 2020 eine von fünf Personen zu – Mit diesem Studienergebnis der Uni Leipzig begann Oberbürgermeister Toni Vetrano seine Rede anlässlich der Stolpersteinverlegung am heutigen Freitag und wies damit direkt auf das Denken hin, weswegen zwei Frauen in der NS-Zeit ermordet wurden: Elsa Cheit und Klara Wertheimer hatten eine psychische Erkrankung, wurden daher als „lebensunwert“ eingestuft und 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet. In Gedenken an die beiden Frauen wurden heute im öffentlichen Beisein zwei Gedenktafeln ins Kehler Pflaster eingelassen.

Die Schülerinnen und Schüler der Tulla-Realschule begleiteten die Stolpersteinverlegung mit einem Sprechtheater. zoom

Masel Tov Cocktail zum Kennenlernen der jüdischen Kultur

Hevenu Shalom Alechem bedeutet übersetzt „Frieden für alle“. Mit dem gleichnamigen israelischen Volkslied begleitete Robin Kersic von der Tulla-Realschule die heutige Stolpersteinverlegung. Seine Mitschülerinnen Helin Almaz, Lea Seel und Lara -Sophie Pich und sein Mitschüler Dmytro Monyuk zeigten anhand eines Sprechtheaters die Geschichte von Klara Wertheimer und Elsa Cheit. Sie berichteten über die sogenannte T4-Aktion, bei der in Deutschland zwischen 1940 und 1941 rund 70 000 Menschen wegen körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen umgebracht wurden.
Bereits seit September hat sich die evangelische Religionsklasse 9a-e der Tulla-Realschule mit den Themen Jüdisches Leben und Nationalsozialismus beschäftigt. „Zum einen feiern wir 2021, dass es seit nachweislich 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland gibt“, erklärt die Religionslehrerin Bernadette Thomas. „Zum anderen erinnern wir auch an die Shoa, nämlich das systematische Vernichten jüdischen Lebens, jüdischer Geschichte, jüdischer Kultur und Religion.“ Die Gruppe schaute sich die bereits verlegten Stolpersteine in Kehl an und machte sich auf die Suche nach den verbliebenen Orten jüdischer Geschichte. Im weiteren Verlauf des Religionsunterrichts werden die Schülerinnen und Schüler ihre Spurensuche fortsetzen: „Im Programm ‚Meet a Jew‘ werden sie mit jungen Jüdinnen und Juden in Kontakt treten, sie werden eine Synagoge besichtigen und sich schließlich anhand des Filmes ‚Masel Tov Cocktail‘ mit den unterschiedlichen Formen von Antisemitismus auseinandersetzen“, erläutert Bernadette Thomas.

Ethan Bensinger gemeinsam mit seiner Frau und Tochter. zoom

Nachkommen aus Frankreich und den USA

Unter den Teilnehmenden der Stolpersteinverlegung waren neben Oberbürgermeister Toni Vetrano, Archiv- und Museumsleiterin Dr. Ute Scherb und Mitgliedern des Arbeitskreises 27. Januar auch Nachkommen der beiden Cousinen Elsa Cheit und Klara Wertheimer, die eigens für die Veranstaltung aus Straßburg, Toulouse und den USA angereist waren. Einer davon, Ethan Bensinger, war es auch, der die Stolpersteinverlegung angestoßen hatte. In perfektem Deutsch hielt er eine Rede vor den rund 50 Menschen, die sich vor dem ehemaligen Wohnhaus von Klara Wertheimer in der Hauptstraße 46 versammelt hatten. Dabei hielt er fest, wie er die Familiengeschichte nach und nach und mithilfe von Karl Britz vom Historischen Verein Kehl rekonstruiert hat. Deutlich machte er auch, dass der Mord an Klara Wertheimer, Elsa Cheit und mehr als 70 000 weiteren Menschen keine Aktion ausdrücklich gegen Juden war, sondern sich gegen alle Deutschen richtete, die laut der NS-Ideologie nicht wert waren, zu leben. Die Teilnahme an der Stolpersteinverlegung nahm Ethan Bensinger zum Anlass, um bei einem Besuch der Tulla-Realschule den Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern die Familiengeschichte rund um die beiden Cousinen Elsa Cheit und Klara Wertheimer näherzubringen.

12.11.2021

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